Wolfram Fleischhauer

Drei Minuten mit der Wirklichkeit

Drei Minuten mit der Wirklichkeit

oder


It takes three to tango...

Der Roman „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ geht sowohl auf meine jahrelange Tanz- und Tangoleidenschaft als auch auf ein Schockerlebnis zurück.

Im Grunde erging es mir ähnlich wie Giulietta, meiner Protagonistin. Ich unterhielt schon seit 1989 eine heftige Liebesbeziehung zum Tango, hatte jedoch immer mehr das Gefühl, diese Musik, die mich regelrecht verhext hatte, nicht wirklich zu begreifen. Und wie jeder weiß, gehören zum Tango eben nicht nur zwei, sondern drei: zwei Menschen und diese so ganz besondere Musik mit ihren verqueren Rhythmen und schrägen Lagen, die sehr stark mit dem Lebensgefühl von Buenos Aires verbunden ist. .

1997 fuhr ich daher das erste Mal für einen Monat nach Buenos Aires und stieß dort auf die unglaubliche Geschichte, die den Hintergrund dieses Romans bildet.

"Drei Minuten mit der Wirklichkeit" ist jedoch  kein Tango-Roman.

Es ist  in erster Linie eine Liebesgeschichte und ein Künstlerroman. Wie in fast allen meinen Büchern geht es auch hier wieder um etwas, worüber nicht gesprochen werden kann oder soll.
Damián ist in einer fatalen Ausgangsituation. Er  flüchtet sich aus einer traumatischen Erfahrung und realen Gefährdung in den Tanz. Er benutzt die hochkomplexen Tanzfiguren des Tango, um seiner Angst, Wut und Verzweiflung, die verborgen bleiben müssen, in Form von Tanzchiffren Ausdruck zu verleihen. Damián Alsina  tanzt um sein seelisches Überleben. Und in seinem Schicksal spiegelt sich das Verhängnis einer ganzen Generation, die bis heute keine Sprache haben darf und soll.

Doch dies ist nur eine Seite der Geschichte. Denn in Drei Minuten mit der Wirklichkeit geschieht etwas, das mir sehr wichtig ist:  Es sind ja nicht nur schreckliche Dinge, die uns sprachlos machen. Auch die  Schönheit kann das! Die Kunst!

"Drei Minuten mit der Wirklichkeit" ist  letztendlich Giuliettas Geschichte, ihr Weg zur Kunst, zur Tänzerin. Nach ihrem Sturz aus dem Berliner Ballett-Himmel in die Argentinische Tango-Hölle sieht es ja lange so aus, als sei das Schöne wirklich nur des Schrecklichen Anfang. Es dauert eine ganze Weile, bis das naive Ballettmädchen aus Berlin zu begreifen beginnt, daß die Kunst keine heile Gegenwelt zur Wirklichkeit ist.

Doch dann gelingt ihr etwas Wundervolles und deshalb ist sie meine Heldin. Im Moment der absoluten Katastrophe, nachdem sie eigentlich alles verloren hat: ihre große Liebe, ihren Vater, ihr Grundvertrauen in ihre heile Welt - mitten im Schrecklichen also -findet sie plötzlich die größtmögliche Nähe zum Schönen. Erst jetzt hat ihr Tanz einen einmaligen, unbeschreiblichen Zauber, weil sie das Schreckliche durchmessen und buchstäblich in sich aufgenommen hat. Giuliettas Tango in der Deutschen Oper, ihr "Giuliettango" (was übrigens lange Zeit der Arbeitstitel dieses Romans war), ist der Höhepunkt dieser Geschichte, die drei Minuten Schönheit eben, die das Schreckliche zwar nicht aufhalten aber aushalten können.

Das ist Giulietta für mich: der kurze, bittersüße Triumph der Künstlerin über die -oft verfluchte- Wirklichkeit.