Wolfram Fleischhauer

Das Buch in dem die Welt verschwand

Das Buch in dem die Welt verschwand

Ein Buch, so sagt man, kann die Welt verändern.
Aber ein Buch, das eine neue Welt stiftet, löscht auch eine andere aus.
Die Geschichte dieser Veränderung, unsere Geistesgeschichte, wird - wie alle Historie - fast immer aus der Sicht der Sieger geschrieben. Ich wollte mir, anhand eines prominenten Beispiels,  einmal die andere Seite ansehen, auch aus dem Verdacht heraus, daß manche dieser Siege vielleicht Pyrrhussiege gewesen sind, die uns auch  zu Verlierern machen.

Am 11. September 2001 geschah das Attentat in New York. Die Bewertungen des Terrors in den Medien hätten unterschiedlicher nicht sein können. Oft mußte eine undeutliche Vorstellung des Islam als Erklärung herhalten.

Jeder reagiert wohl etwas anders auf solch ein Ereignis. Ich hatte damals ein ganz anderes Buch in Arbeit. Aber angesichts der brennenden Türme war nicht daran zu denken, daran weiterzuarbeiten. Ich mußte auf dieses Ereignis reagieren. Aber wie?

Nach dem ersten Schock trieb es mich ans Bücherregal. Ich kann einfach nicht anders. Wann immer mir der Sinn der Welt abhanden zu kommen droht, suche ich nach Orientierung in der Literatur, in einer Geschichte oder vielleicht besser: nach einem Sinn in der Geschichte.

Was mir in die Hände fiel war ein Aufsatz von Heinrich Heine aus dem Jahr 1835. Es ging darin unter anderem um Immanuel Kant, den er dort des „geistigen Terrorismus“ bezichtigt. Heine erklärt, Kant habe Gott umgebracht, und die Tragweite dieser Tat werde wohl erst in 200 Jahren verstanden werden. 

Die 200 Jahre sind gerade um. Heines merkwürdiger Ausfall gegen Kant, sein Menetekel vor der Kulisse der unfaßbaren Gewaltakte der letzten Jahre, begleitet von einer allgegenwärtigen Glaubenskrieg- und Kulturkampfrhetorik - all das ließ mir einfach keine Ruhe.
Die Welt war offenbar noch immer gespalten in einen aufgeklärten, säkularisierten, materialistischen Teil, der eigentlich an gar nichts mehr glaubt, und einen fundamentalistischen, fanatisch religiösen Teil, der keine säkularen Werte gelten läßt, das westliche Modell als "gottlos" verdammt und unter anderem noch daran glaubt, daß man durch Selbstmordattentate in den Himmel kommt.

Wo sollte man sich einrichten zwischen diesen Extremen, zwischen radikaler Aufklärung und religiösem Fundamentalismus, zwischen Gentechnik und Gotteskriegern?
Und kann man die Problematik aus der säkularisierten Gegenwart heraus überhaupt verstehen? Ist das Problem nicht so geartet, daß man es, um es wirklich erfassen zu können, zunächst einmal bis kurz vor den Zeitpunkt zurückverfolgen muß, als es sich zum ersten Mal gestellt hat? Muß die Gegenwart vielleicht ein wenig "nachsitzen", um sich zu begreifen?

Mit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ trennen sich bekanntlich die Wege von Philosophie und Theologie endgültig, und dies mit enormen Konsequenzen. Die „Eine“, mittelalterliche Welt, welche die Verbindung zwischen Glauben und Wissen bei allen inneren Widersprüchen und Irrtümern immerhin noch gesucht hat, ist nun einer zweigeteilten Welt gewichen, deren radikale Teile sich gegenseitig auslöschen wollen.
Wie immer bei mir, begann also auch dieses Buch mit einer ganz einfachen Frage. Sie birgt mehr Sprengstoff, als der harmlose Name vermuten läßt: die Gretchenfrage.