Wolfram Fleischhauer

Hintergrundinformation

schule der lügen

Viele meiner Romanfiguren sind Zeichenleser.
Sie entschlüsseln Tangos, Gemälde, Epidemiekarten oder ganze Erzählungen. Anja Grimm, die Hauptfigur in meinem neuen Roman, liest den Wald.

Wie so oft ist mir die Idee zu „Schweigend steht der Wald“ während einer Zugfahrt gekommen, irgendwo zwischen Straubing und Weiden, früh morgens, beim Blick auf nebelverhangene Wiesen und Wälder. Ich weiß noch, dass mich plötzlich eine merkwürdige Beklemmung überfiel. Warum nur? Dort draußen war ja nichts. Nur Wald und Wiesen. Friedliche Natur. Recht menschenleer und ein wenig unwirtlich im Novembernebel, aber ohne jegliche Anzeichen irgendeiner Bedrohung. Das Bedrohliche, das Unbehagen, war nur in meinem Kopf. In der Welt vor dem Fenster war nichts davon zu sehen. Es sei denn, man wusste Bescheid oder hat, wie manche Tiere, einen sechsten Sinn für Orte, an denen sich Entsetzliches abgespielt hat.

In dieser Atmosphäre kam mir die Idee von Anja Grimms Geschichte. Wie immer vergaß ich den Einfall dann erst einmal wieder. Das Bild dieser jungen Frau im Wald, der plötzlich etwas Merkwürdiges an den Pflanzen auffällt, war mir – ich gebe es gern zu – nicht ganz geheuer. Wobei „vergessen“ vielleicht das falsche Wort ist. Die Idee zog sich vielmehr dorthin zurück, wo alle meine Geschichten heranreifen. Was für ein Ort das ist, weiß ich selbst nicht. Ja, wie und warum das Bild einer potentiell dramatischen Ausgangsituation in mir entsteht und dann allmählich herankeimt, ist mir völlig schleierhaft. Es geht mir wie der Marquise von O. in Kleists berühmter Erzählung: Ich bin plötzlich in anderen Umständen, gehe mit einer Geschichte schwanger. Aber ich habe keine Ahnung, wodurch.

In diesem frühen Stadium gleichen Romane tatsächlich einem Ungeborenen. Obwohl noch keine einzige Zeile auf Papier existiert, führen sie bereits eine Art stummes Eigenleben, und das eigene Leben stellt sich unmerklich darauf ein, dass da etwas Neues in die Welt kommen will. Die Wahrnehmung ändert sich. Man interessiert sich plötzlich für Dinge, die einem bisher gleichgültig waren oder von deren Existenz man gar nichts wusste. Plötzlich verbringt man zum Beispiel sehr viel Zeit im Wald. Erst allein, dann mit allerlei Experten. Pflanzenbestimmungsbücher beginnen sich auf dem Schreibtisch zu stapeln. Oder man starrt fasziniert auf Bodenschichten in Wurzelkratern in von Stürmen verwüsteten Wäldern. Irgendwann steht jedenfalls fest: Da lebt eine zweite kleine Seele in der eigenen, die sich ständig zu Wort meldet, aber noch gar keine eigene Sprache hat.

Ohne das Bild der Geburt zu sehr strapazieren zu wollen, bleibt es doch der beste Vergleich. Normalerweise schreibe ich etwa drei Seiten am Tag. Hier war es mit Mühe eine halbe. Eine schwere Geburt also. Umso überraschender war dann allerdings das Ergebnis. Mein Personalbestand ist meist üppig und die Welten, aus denen meine Figuren kommen, haben oft etwas Exotisches oder zumindest nicht Alltägliches. Und jetzt das! Ein bayerisches Dorf, ja, nicht einmal ein Dorf, sondern gerade mal ein paar Höfe irgendwo im Nirgendwo. Und dazu eine angehende Försterin, die Bohrstöcke in den Waldboden hämmert, um Bodenprofile zu erstellen. Jägersprache und kauzige Landeier! So absurd es klingen mag: dieser achte Roman, den ich geschrieben habe, kam mir plötzlich vor wie mein allererster.

Ich erkenne darin vieles von mir wieder – auch wenn das „Setting“ so ganz anders ist. Und mehr noch. Mit „Schweigend steht der Wald“ fühle ich mich plötzlich den Autoren nah, deren Credo ich bisher nicht so viel abgewinnen konnte. Der Überzeugung nämlich, dass alles wirklich Große sich am besten im Kleinen, Nahen, Allzumenschlichen spiegelt. Eine unumstößliche Weisheit? Ich weiß es nicht. Aber für diese Geschichte gilt sie gewiss.