Wolfram Fleischhauer

Die Kunst des Wartens

schule der lügen

Ein Gespräch mit
Wolfram Fleischhauer
anlässlich des Erscheinens seines neuen Romans

Herr Fleischhauer, wovon handelt Ihr neuer Roman?

Im weitesten Sinne von Gier.

Auf einen Campus-Roman folgt ein Thriller. Hat das einen bestimmten Grund?

Dass es ein Thriller geworden ist, liegt allein am Stoff. Man setzt sich ja nicht hin und sagt: so, jetzt schreibe ich einen Thriller oder einen Liebesroman. Jedenfalls funktioniert das bei mir nicht so. Der Stoff bestimmt die Form. Ich habe immer eine ganze Reihe von Projekten in der Schublade. Dass ich jetzt ausgerechnet dieses realisiert habe, hat mehrere Gründe. Kreativität braucht Abwechslung. Mein letzter Roman war sehr kopflastig. Das Thema war recht abstrakt. Dass ich nun aber ausgerechnet diesen Stoff ausgewählt habe liegt daran, dass er immer aktueller wurde. Wer hätte das gedacht?

Sie meinen die Finanzkrise?

Nein. Der Weg ist verschlungener. Die Idee zu Torso ist mir nicht 2008 wegen der Lehman Pleite gekommen, sondern schon vor neun Jahren, im Frühjahr 2002. Genau gesagt, während einer Italienreise. Auslöser war nicht irgendein Finanzskandal, sondern ein Gemälde ...

...wie bei der „Purpurlinie“?

Ja. Allerdings geht es diesmal nicht darum, die Vergangenheit zu entschlüsseln, sondern eher die Gegenwart.

Die Gegenwart? Aber der Roman spielt 2003?

Ja, sicher. Das muss so sein, weil damals noch niemand von der Größenordnung des ganzen Schlamassels etwas geahnt hat. Die Mechanismen waren zwar schon sichtbar, aber niemand hat damals wissen können, welches Ausmaß das einmal alles annehmen würde.

Also ist doch die Finanzkrise das Thema?

Nein. Es ist die Bühne. Der Entstehungsprozess verläuft bei mir etwa folgendermassen: Alles beginnt mit einer Begegnung oder einem Erlebnis, das mich emotional und intellektuell mitnimmt. Nach einigen Tagen stelle ich plötzlich fest, dass ich mit mir selbst über eine Frage debattiere. Stimmen in meinem Kopf streiten miteinander und das hört einfach nicht mehr auf. Die verschiedenen Standpunkte zu einer Problematik lassen mich nicht mehr ruhig schlafen. Allmählich nehmen sie die Form von Figuren an, die miteinander in Konflikt geraten. Um nun aber auf die Welt, d.h. in eine Romanwelt kommen zu können, brauchen diese Figuren eine Bühne, einen konkreten Kontext oder Hintergrund, vor dem die Auseinandersetzung stattfindet. Aber die Bühne ist nicht das Thema.
Es geht nicht um diesen oder jenen Bankskandal, sondern um Exzesse, um Gier!

Sie sind also Moralist?

In meinen Büchern stehen unterschiedliche Wertordnungen miteinander im Konflikt. Aber ist jemand, der sich für Werte und moralische Konflikte interessiert, ein Moralist? Dann ist ja wohl jeder Geschichtenerzähler ein Moralist, denn wovon handeln denn unsere Geschichten wenn nicht von widerstreitenden Wertvorstellungen? Unsere Welt ist kompliziert und stellt sehr hohe Ansprüche an uns. Es scheint kein Prinzip mehr zu geben, das nicht relativiert werden könnte. Wir leben den unheimlichen Widerspruch des absolut Relativen, einen Zustand, der schwer auszuhalten ist und gegenwärtig vor allem zwei extreme Reaktionen zu erzeugen scheint: Resignation und Lähmung einerseits, und - am anderen Ende des Spektrums - Amokläufe.

Eine Serie steht uns aber nicht ins Haus?

Nein. Ich schreibe keine Serien. Die nächsten beiden Romane, die in Planung sind, spielen zwar auch in der Gegenwart und wahrscheinlich werden sie auch als Krimi oder Thriller verkauft werden. Aber das sind Etikettierungen, mit denen man sich nicht zu lange aufhalten sollte. Irgendwo muss der Buchhändler die Bücher ja hinlegen. Meine mittlerweile sieben Romane liegen im Buchladen auf drei oder vier unterschiedlichen Tischen. Dabei schreibe ich doch immer die gleiche Art Roman: nämlich den, den ich selbst gerade gerne lesen würde. Ich will nicht immer das Gleiche lesen, warum sollte ich also immer das Gleiche schreiben. Wäre ja auch langweilig. Ich habe noch eine Novelle in der Schublade, die ich seit Jahren schreiben will. Und neuerdings schwirrt mir auch eine dreibändige Jugendsaga durch den Kopf. Und ein Drehbuch oder Theaterstück, da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Es kann also noch alles möglich passieren. Glücklicherweise.

Wie muss man sich das vorstellen? Suchen Sie die Stoffe, oder kommen sie zu Ihnen?

Sie kommen zu mir. Ich würde sogar sagen: Sie suchen mich heim. Es gibt viele unterschiedliche Ansichten darüber, was Talent oder Kreativität ist. Ich denke, es ist genau das: eine Art Heimsuchung. Es ist ein Geschenk der Natur oder vom lieben Gott. Plötzlich hat man eine Idee für eine Geschichte, die einem selbst dann auch wirklich jahrelang nicht langweilig wird und am Ende buchfüllend ist. Die Idee ist natürlich nicht alles. Aber ohne sie ist alles nichts. Wie soll man kreativ sein, wenn man keinen Stoff hat, kein Material, das lange genug brennt, um einen durch lange schöpferische Eiszeiten hindurch warm zu halten? So etwas zu finden oder zu erkennen, ist ein großes Privileg finde ich. Der Rest ist dann leider nur noch Arbeit.

Und woher wissen Sie, welche Idee so ein Potenzial hat?

Da gibt es ein ganz einfaches Mittel: warten. Ich würde nie ein Buch mit einer Idee beginnen, die mir vorgestern gekommen ist. Aber wenn eine Sache mir jahrelang immer wieder durch den Kopf geht, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Roman drinsteckt. Meine Romanstoffe müssen lange reifen. Das sieht man dem Endprodukt nicht immer an. Aber es ist nun mal so. Warten ist eine ziemlich unterschätzte Tätigkeit.

Und wie lange müssen wir auf Ihr nächstes Buch warten?

So lange wie ich.