Wolfram Fleischhauer

Die Inderin

Hintergrund

Die Inderin

Während der Recherchen für Das Buch in dem die Welt verschwand stieß ich auf die Verhörprotokolle einer merkwürdigen Sekte, die im achtzehnten Jahrhundert in Deutschland einiges Aufsehen erregt hatte und scharf verfolgt wurde: die sogenannte "Buttlarsche Rotte." Manche überlieferten Äußerungen dieser radikalpietistischen Gruppe um Eva von Buttlar erinnerte mich spontan an einige Schulfreunde, die in den siebziger Jahren vor den Sommerferien noch normal und danach, nach einem Indienaufenthalt, plötzlich ein wenig merkwürdig geworden waren. Sie trugen jetzt rote Kutten, eine Holzkette mit dem Photo eines Gurus um den Hals und redeten wirres Zeug von sexueller und spiritueller Befreiung.

Ich konnte mit diesen Bhagwan-Jüngern damals nicht viel anfangen. Dabei waren Mystik und Esoterik durchaus Themen, die mich beschäftigten. Ich hatte damals sogar die Idee für einen Roman über das Thema und insofern ist Schule der Lügen ein Stoff, den ich schon sehr lange mit mir herumtrage. In meinen Materialkisten und Skizzenheften finden sich viele Entwürfe, die über die Jahre entstanden aber nie sehr weit gediehen sind. Aus irgendeinem Grund kam die Geschichte nie in Gang. Die Begegnung mit Eva von Buttlar änderte das.  

Angeregt durch die Verhörprotokolle dieser Pietisten aus dem achtzehnten Jahrhunderts fuhr ich im Jahre 2003 nach Indien und verbrachte einige Zeit in Poona. Danach reiste ich die Westküste entlang nach Süden und besuchte einige indische Ashrams. Die Begegnungen, Erlebnisse und Gespräche auf dieser Reise  wären ein Buch für sich. Festzuhalten bleibt, daß ich plötzlich einen Einfall hatte, wie diese Geschichte erzählt werden könnte. Die Idee war so fruchtbar, daß sie sofort zu einem dreißigseitigen Exposé führte, das ich voller Freude und Erwartung an Agentur und Verlag schickte. Die Reaktionen waren eher geteilt. Ja, doch, interessant, hieß es, eine tolle dramatische Frage. Aber die Zeit? Die Welt? Indien? Bhagwan? Esoterik? Wer würde das lesen wollen? Ich ging in mich und stellte fest: die hatten Recht. Ich auch nicht. Irgendwo war ein Fehler.

Es war Roman Hocke, mein Agent, der die Frage stellte, ob die Geschichte nicht zur Zeit der ersten großen Esoterikwelle spielen könnte, also zwischen 1900 und 1930? Ich wußte nicht viel über diese Zeit. Ich wußte nur, was diese Anregung bedeuten würde: eine zweite Indienreise in die Aussteigerparadiese und zu den Ashrams der Jahrhundertwende, sowie viele Monate Recherche über die Weimarer Republik und das esoterisch-mystische Gedankengut dieser Zeit.

Nach einem ersten, kursorischen Blick auf das Material war klar: es gab gar keine andere Möglichkeit als diese. Die Aussteiger- und Indienfahrerbewegung der 60er und 70er Jahre war ja nur die Wiederholung als Farce, was die ursprüngliche Bewegung in Tragödienform vorweggenommen hatte. Insbesondere vor dem Hintergrund der unheilvollen Vermischung von Politik und Religion im Arier- und Führerkult durch die bildNationalsozialisten bekam die Geschichte eine ganz andere Brisanz.

 "Schule der Lügen" ist also kein klassischer historischer Roman, wie man vielleicht meinen könnte. Es ist ein Roman über die Gegenwart auf historischer Bühne. Das Panorama der Fragestellung war zu groß für eine Darstellung in der Jetztzeit. Erzählte man die Geschichte heute, ergäben sich zu viele Interferenzen. Die Grundfrage ist allerdings nach wie vor die gleiche. Wie lebt es sich in der komplett entzauberten Welt, in der es vor fragwürdigen Wiederverzauberungsversuchen nur so wimmelt? Wie entgehen wir einer politisch-religiösen Verhexung, diesen Schulen der Lügen, deren Tore sich allerorten öffnen?