Wolfram Fleischhauer

Die Frau mit den Regenhänden

schule der lügen

oder


Warum erzählen...

Die Idee zu diesem Roman kam mir während einer verregneten Autofahrt durch Belgien, irgendwann im Jahr 1994. Jemand erzählte mir diese Anekdote von einem Kind, das einige Tage vor Beginn der Weltausstellung in Paris von 1867 tot in der Seine gefunden wurde.

Die Mutter des Kindes wurde gefunden und angeklagt, ihr Kind ermordet zu haben. Doch die Frau leugnete standhaft und behauptete, ihr Kind einige Tage zuvor im Krankenhaus Lariboisière abgegeben zu haben. Dort hatte niemand das Kind gesehen.

Die „Lösung“ dieses Falles - und ich will sie hier nicht vorwegnehmen - verschlug mir die Sprache. Denn hatte sich ein ähnlicher Fall nicht gerade wieder ereignet, wieder in Paris, nur in ungleich größerem Ausmaß?

Bruno, der Erzähler, steht mir recht nah, und ich kann seine Situation, wie er da so einsam und mit wenig Geld in Paris studiert, gut nachempfinden. Ich habe auch einmal so wie er in Paris gelebt. Die Schauplätze sind mir vertraut. Das Krankenhaus Lariboisière sieht heute noch so aus wie vor hundertfünfundzwanzig Jahren, und vor dem seltsamen „Knochentisch“, den Bruno im medizinhistorischen Museum von Paris betrachtet, habe ich auch schon gestanden.

Autobiographisch ist der Roman allerdings nicht. Dennoch hat er für mich eine besondere Bedeutung, weil ich durch die Arbeit an dieser Geschichte verstanden habe, warum ich überhaupt erzähle und was Literatur für mich bedeutet.

Es gibt diesen Satz von Ludwig Wittgenstein, der mich schon während des Studiums immer zum Widerspruch gereizt hat:

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.
Ich denke, für die Literatur gilt genau das Gegenteil:

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schreiben.
Literatur ist die Sprache jenseits der Sprachlosigkeit.

Sie kennen dieses Gefühl natürlich aus eigener Erfahrung: es gibt Erlebnisse, die einen verstummen lassen, aus Trauer, aus Glück, aus Scham oder einfach aus Betroffenheit.
Die Ausgangssituation der Heldin dieses Romans ist so. Ihr Schicksal ist unsäglich.
Daher erzählt sie eine Geschichte. Um nicht verrückt zu werden. Zunächst für sich selbst, dann für Bruno, und letztlich für all jene, die das gleiche Schicksal und keine Worte dafür haben.
Erzählen ist eine Haltung angesichts einer Situation völliger Haltlosigkeit. Unsere Welt ist haltlos. Jeder Versuch, diskursiv über sie nachzudenken, läßt sie in tausend Stücke zerfallen. „Wir ordnen´s, es zerfällt. Wir ordnen´s wieder, und zerfallen selbst“, beschrieb Rilke diesen Zustand. Es ist die Situation des modernen Menschen, und damit natürlich auch die des Schriftstellers, des Journalisten, des Autors im Allgemeinen.

Der Erzähler hingegen ist zwar in der gleichen Situation. Aber er tut etwas anderes.

Er ordnet nicht.

Er spiegelt.

Er kennt und begreift die letzte Ordnung der Dinge zwar ebenso wenig, aber er wettet darauf, daß es eine geben muß - und dann stellt er seine Spiegel auf.

Ich vermute, daß darin einer der Gründe für das Verschwinden das Erzählens liegt. Der moderne Mensche mißtraut Erzählern. Mit Recht. Erzählen ist unmodern, weil es Sinn stiften will.

Rat und Trost, was die Erzählung ja immer gespendet hat, wird heute als Kitsch oder als Predigt empfunden.

Aber soll man deshalb moderner Schriftsteller werden, ratlos und trostlos sein?

Die Antwort kann natürlich nur eine Erzählung geben.