Wolfram Fleischhauer

Der gestohlene Abend

schule der lügen

Hintergrund

In den 1970´er und 1980´er Jahren geschah in den Vereinigten Staaten etwas Eigenartiges: ein rätselhafter Philosophie-Import aus Europa eroberte sozusagen im Handstreich die gesamte US-amerikanische akademische Welt: die sogenannte Dekonstruktionstheorie. Erstaunlich und einmalig war hierbei nicht nur die Geschwindigkeit, mit der diese neue Theorie in viele Universitätsabteilungen Eingang fand und sich überall verbreitete. Das gesamte Phänomen war ohne Beispiel und irgendwie unerklärlich:

wie konnte eine „Philosophie“, welche soziale, historische, ethische und moralische Probleme als ein „linguistisches Dilemma“ verstand und betrachtete, auf eine ganze Generation von Studenten und Wissenschaftlern solch einen Einfluß gewinnen?  Wie war es möglich, daß eine Theorie, die die Wirklichkeit auf ein Spiel von Zeichen reduzierte, im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb und im Weltbild vieler Intellektueller solch eine vorherrschende Rolle zu spielen begann? Mit anderen Worten: welche geistesgeschichtliche Pandora-Büchse war da plötzlich aufgesprungen? Und warum?

 

Noch faszinierender als die Theorie ist der Mann, der sie schuf: Paul de Man, ein aus dem Nachkriegseuropa nach Amerika geflüchteter, junger belgischer Intellektueller, der in den frühen 50´er Jahren in New York ankam und für geraume Zeit eine der einflußreichsten Vaterfiguren der amerikanischen Geistesgeschichte werden sollte – bis zu seinem posthumen „Fall“ im Jahre 1987, als De Mans teilweise antisemitischen Zeitungsartikel gefunden wurden, welche der junge Feuilleton-Mitarbeiter im von Hitler besetzten Belgien für Nazi-Zeitungen zwischen 1941-1943 verfaßt hatte.

Der Ur-Vater der avantgardistischsten amerikanischen Literaturtheorie ein verkappter Nazi? Der Erfinder der Dekonstruktion, der heißesten Ware auf dem amerikanischen Philosophiemarkt, ein heimlicher Antisemit?

Ich war als Student (und Anhänger dieser „Theorie“) in den USA, als diese Bombe platzte. Und ich war nicht irgendwo, sondern sozusagen im "inneren Zirkel" der Anhänger, an der UC-Irvine, wo die berühmtesten (und teuersten) Schüler von De Man die Lehre des verstorbenen Meisters weitertrugen. 

 

Ich kann mich  noch an den Tag erinnern, als die Nachricht einschlug, und zwar in Form eines Artikels auf der Titelseite der New York Times. Und besonders erinnere ich mich an die menschliche-allzumenschliche Farce, die sich an den Skandal anschloß, eine Art intellektueller Bürgerkrieg vor dem Hintergrund sehr realer, vor allem universitäts- und machtpolitischer Interessen.

 

Es ging mir bei der Bearbeitung dieses Stoffes jedoch nicht allein um den Fall Paul de Man oder die Theorie der Dekonstruktion allgemein, sondern um eine Grundfrage, für die dieser Fall sehr viel Angriffsfläche bietet: den Zusammenhang nämlich von Literatur und Moral, von Ästhetik und Ethik. Inwiefern ist die Biographie eines Philosophen/ Schriftstellers/ Intellektuellen  relevant für sein "Werk".

Dieser Fall ähnelt anderen Fällen (man denke an Heidegger, Hans Schwerte oder neuerdings Günther Grass und Christa Wolf), aber er hat etwas Besonderes: der „Skandal“ besteht nicht allein darin, daß Paul de Man während der Okkupationszeit –wahrscheinlich aus opportunistischen Gründen- einige antisemitische Artikel für eine belgischen Tageszeitung geschrieben hat und er schon allein deshalb nie nach USA hätte auswandern, geschweige denn einen Lehrstuhl hätte besetzen können. Das eigentlich Unheimliche an diesem Fall ist, daß die "Theorie" oder "Philosophie", die er über die Jahre so erfolgreich entwickelt hat, ein wunderbares Instrument ist, sich intellektuell aus jeglicher Verantwortung herauszustehlen. Die Dekonstruktion – und genau dies bringt ihre Gegner auf die Palme – feiert den sogenannten „Tod des Autors“ und behauptet, daß alle biographischen/kontextuellen Informationen bezüglich des Autors eines Textes irrelevant sind. Texte werden als reine Sprachkonstrukte betrachtet, das heißt: als bedeutungserzeugende Strukturen, die keiner Autorenintention folgen, sondern diese sogar unterlaufen. Mit einem Wort: jeglicher Versuch, Bedeutungen festzuhalten (Erkenntnis zu stiften), ist ideologisch verdächtig. Es gibt keine außersprachliche Wirklichkeit, die Sprache selbst ist kein Vehikel der Kommunikation sondern etwas Fremdes, das sich unserer bedient und uns Verständnis nur vorgaukelt. („Language is a virus from outer space“ sang damals Laurie Anderson vor begeisterten Massen). Kein Wunder, daß die gesamte hermeneutische Zunft das Grauen überkam.

 

Aber so ganz von ungefähr kam diese Sprachauffassung ja nicht. Denn alle anderen, "positiven" Wissenschaften vom Menschen schienen damals ausgereizt.  Kein Denksystem konnte die europäische Katastrophe erklären. Alles schien damals zu Ende (Post-Moderne, Post-Histoire). Alles war verdächtig, denn alles (das Abendland, die westliche Zivilisation) hatte angesichts der Hitler-Horden versagt. Um so erlösender wirkte da eine Geisteshaltung, der es gelang, auf den allgemeinen Bankrott einen Wechsel zu ziehen, nämlich: alles als letztlich unwißbar zu entlarven.

 

Die Dekonstruktion lieferte ein Instrumentarium, das es gestattete, die Mythen hinter der Werbung, die Ideologie in der Politik, die perverse Verdrehung von Wirklichkeiten im Diskurs der Wirtschaft durch feinsinnige Sprachanalysen genial zu entlarven. Auch die Gegensätze von Rechts und Links waren plötzlich wie ausgelöscht. Jeder Standpunkt war immer nur das Ergebnis einer Blindheit, jede Behauptung per se schon Niederschlag eines diskursiven Gewaltaktes, der sofort dekonstruiert werden mußte.

 

Freilich geschah dies alles zunächst nur in Seminarräumen und Fachzeitschriften, aber das Gefühl der angeblichen "Befreiung" war doch enorm und schlug sich allmählich nieder in einer Explosion dekonstruktionistisch inspirierter Artikel quer durch alle Disziplinen. Die "anything goes" Welle der 90`er Jahre kündet davon. Die Verführungskraft war enorm. Es war eine Umwertung aller Werte, die Vorarbeit zum absoluten Werte-Relativismus, der vermutlich erst jüngst und ausgerechnet durch den 11. September 2001, einen ersten Dämpfer bekommen hat.

 

All dies lag nicht zuletzt am Charisma der führenden Köpfe. Wer die Hohenpriester der Dekonstruktion einmal live erlebt hat, wird schwerlich vergessen, wie es ist, wenn einem ein  offenbar harmloser, einfacher Text derart um die Ohren fliegt, daß einem Hören und Sehen vergeht. Diese Leute hatten etwas von Zauberern, von Hütern eines Geheimwissens, dessen man nie ganz habhaft werden konnte. Und vielleicht erklommen sie auch deshalb in den achtziger Jahren den Gipfel der Macht: die Präsidentschaft im amerikanischen Philologenverband, einer der mächtigsten geisteswissenschaftlichen Vereinigung.

 

Nach den Erlebnissen damals habe ich der akademischen Welt den Rücken gekehrt und begonnen, meinen ersten Roman zu schreiben. Jetzt, sechs Romane und zwanzig Jahre später, hatte ich das Bedürfnis, diese Wandlung noch einmal nachzuvollziehen. Ich wollte genauer verstehen, was damals eigentlich passiert ist, um mich herum und in mir. Ich bin ja nicht der einzige, den diese Sache nicht ruhen lässt. Es gibt bereits fünf Romane über diesen Fall. Die Frage ist so elementar, dass sich vielleicht jeder Autor einmal im Leben damit herumschlagen muss. Und im Grunde auch jede Leser ...